De-Tooling – Analoge und materielle Praktiken für die postdigitale Hochschullehre
Digitale Werkzeuge sind zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Hochschullehre geworden. Lernplattformen, Präsentationssoftware, digitale Abstimmungssysteme, kollaborative Boards und zunehmend auch KI-Anwendungen erweitern den methodischen Werkzeugkasten. Bei der Planung von Lehrveranstaltungen entsteht dadurch jedoch leicht ein Automatismus: Für ein didaktisches Problem wird dann zuerst nach einem geeigneten digitalen Tool gesucht.
Das Seminar „De-Tooling – Analoge und materielle Praktiken für die postdigitale Hochschullehre“ kehrt diese Perspektive versuchsweise um. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, welche Werkzeuge Lehrende einsetzen könnten, sondern welche didaktischen Möglichkeiten entstehen, wenn digitale Werkzeuge zunächst aus einer Lehrsituation entfernt werden.
„Postdigital“ bedeutet dabei ausdrücklich keinen grundsätzlichen Verzicht auf digitale Medien. Digitale Werkzeuge werden jedoch nicht mehr selbstverständlich genommen, sondern kritisch hinterfragt: Welche Funktion erfüllt ein bestimmtes Tool? Was verändert es an Kommunikation, Wahrnehmung, Zusammenarbeit oder Aufmerksamkeit? Und ließe sich diese didaktische Funktion auch durch körperliche, räumliche, soziale oder materielle Praktiken herstellen?
Ausgehend von eigenen Lehrerfahrungen untersuchen die Teilnehmenden konkrete Lehr-Lern-Situationen und erproben unterschiedliche De-Tooling-Operationen. Digitale Abläufe werden beispielsweise materialisiert, verräumlicht oder verkörpert; bestehende Methoden werden bewusst verlangsamt und von technischen Infrastrukturen entkoppelt. Dabei kommen unter anderem Papier, Karten, Gegenstände, Bewegungen und Positionierungen im Raum zum Einsatz.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Qualitäten physischer Präsenz: Was geschieht, wenn Studierende sich tatsächlich im Raum positionieren, Gegenstände gemeinsam sortieren, Modelle bauen, Wege zurücklegen oder miteinander an materiellen Artefakten arbeiten? Welche Formen der Wahrnehmung, Interaktion und Erkenntnis werden dadurch möglich, die in digitalen Settings leicht in den Hintergrund treten?
Im letzten Teil des Seminars werden digitale Werkzeuge bewusst wieder in die neu gestalteten Lehrsituationen einbezogen. Dieses Re-Tooling ermöglicht einen Vergleich: Welche digitalen Elemente schaffen tatsächlich einen didaktischen Mehrwert? Welche analogen oder materiellen Praktiken sollten erhalten bleiben? Ziel ist deshalb weder eine möglichst digitale noch eine möglichst analoge Lehre, sondern eine bewusste und begründete Gestaltung postdigitaler Lehr-Lern-Arrangements.
Die Teilnehmenden arbeiten während des Seminars an konkreten Beispielen aus ihrer eigenen Lehre und entwickeln mindestens eine Lehrsituation weiter, die sie anschließend in ihrer Praxis erproben können.
Ablaufplan
1. Einstieg: Digital Default – ca. 20 Minuten
Zum Einstieg reflektieren die Teilnehmenden ihre eigene Lehrpraxis: Welche digitalen Werkzeuge verwenden sie regelmäßig? Welche davon haben sie bewusst gewählt – und welche sind inzwischen so selbstverständlich, dass ihre Nutzung kaum noch als Entscheidung wahrgenommen wird?
Eine Leitfrage:
Welches digitale Werkzeug haben Sie zuletzt neu in Ihre Lehre aufgenommen – und welches haben Sie zuletzt bewusst entfernt? Anhand der Antworten werden die Konzepte Postdigitalität und De-Tooling eingeführt und von Technikverzicht oder „Digital Detox“ abgegrenzt.
2. Tool-Autopsie: Was tut das Werkzeug eigentlich? – ca. 30 MinutenDie Teilnehmenden wählen ein konkretes digitales Werkzeug oder eine digitale Praxis aus ihrer Lehre, beispielsweise Präsentationssoftware, Lernplattform, Abstimmungstool, digitales Whiteboard oder KI-Anwendung.
In Kleingruppen oder im Plenum wird untersucht:
Welche didaktischen Funktionen erfüllt das Werkzeug?
- Welche Aktivitäten ermöglicht oder erleichtert es?
- Welche Formen von Kommunikation und Zusammenarbeit erzeugt es?
- Welche körperlichen, räumlichen oder materiellen Praktiken ersetzt es?
- Welche Friktionen versucht es zu beseitigen?
- Welche möglicherweise unbeabsichtigten Nebenwirkungen bringt sein Einsatz mit sich?
Ziel ist, Werkzeug und didaktische Funktion zunächst voneinander zu trennen.
3. De-Tooling: Eine Lehrsituation ent-digitalisieren – ca. 30 Minuten
Die Teilnehmenden bringen eine konkrete Lehrsituation aus ihrer eigenen Praxis ein und führen ein Gedankenexperiment durch:
Was geschieht, wenn wir alle digitalen Werkzeuge aus dieser Situation entfernen?
Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Behauptung, dies sei sofort eine bessere Lösung. Zunächst soll sichtbar werden, welche Aufgaben bislang von technischen Systemen übernommen werden und welche alternativen Gestaltungsmöglichkeiten entstehen.
4. Alternativen: Andere Möglichkeiten erproben – ca. 45 Minuten
Nun werden ausgewählte De-Tooling-Operationen praktisch erprobt. Der Arbeitsauftrag lautet: Nehmen Sie eine digitale Methode und bauen Sie sie physisch nach.
Mögliche Prozesse dabei sind u.a.:
- Materialisieren: abstrakte Strukturen mit Gegenständen, Karten oder Materialien darstellen
- Verkörpern: Personen übernehmen Positionen, Rollen oder Elemente eines Systems
- Verräumlichen: Beziehungen, Unterschiede oder Argumente durch Positionen und Wege im Raum ausdrücken
- Verlangsamen: Prozesse bewusst entschleunigen
- Begrenzen: produktive Einschränkungen einführen
- Synchronisieren: Aktivitäten gleichzeitig ausführen lassen
- Entkoppeln: Aktivitäten zeitweise von digitalen Infrastrukturen lösen
- Verflüchtigen: Ergebnisse erzeugen, die bewusst nicht gespeichert oder dokumentiert werden
Die Teilnehmenden erproben diese Verfahren selbst und diskutieren mögliche didaktische Wirkungen
5. Re-Design: De-Tooling der eigenen Lehre – ca. 45 Minuten
Auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen gestalten die Teilnehmenden eine eigene Lehrsituation neu.
Dabei soll nicht lediglich ein digitales Werkzeug durch ein analoges ersetzt werden. Vielmehr wird die gesamte Situation betrachtet:
- Was sollen die Studierenden tun?
- Wie interagieren sie miteinander?
- Welche Rolle spielen Körper und Bewegung?
- Wie wird der Raum genutzt?
- Welche Materialien kommen zum Einsatz?
- Was wird festgehalten – was darf vergänglich bleiben?
- Wo entsteht produktive Reibung, wo ist die unproduktiv?
Die entstandenen Entwürfe werden individuell oder in Kleingruppen vorgestellt und gemeinsam weiterentwickelt.
6. Re-Tooling: Das Digitale bewusst zurückholen – ca. 25 Minuten
Im letzten Arbeitsschritt dürfen digitale Werkzeuge wieder in die neu gestaltete Lehrsituation zurückkehren.
Die zentrale Frage lautet:
Welche technischen Elemente verbessern diese Situation tatsächlich – und warum?
Auch KI kann an dieser Stelle punktuell einbezogen werden, beispielsweise indem alternative Gestaltungsvorschläge erzeugt und mit den zuvor entwickelten Lösungen verglichen werden.
Dadurch entsteht eine bewusste Verbindung analoger, materieller, räumlicher, sozialer und digitaler Praktiken.
7. Transfer und Abschluss – ca. 15 Minuten
Zum Abschluss entwickeln die Teilnehmenden einen konkreten Transfer in die eigene Lehre.
Jede Person formuliert:
- eine digitale Selbstverständlichkeit, die sie in ihrer Lehre hinterfragen möchte,
- eine analoge, materielle, körperliche, soziale oder räumliche Praxis, die sie ausprobieren möchte,
- eine konkrete Lehrsituation, in der sie mit De-Tooling experimentieren wird.
Das Seminar endet nicht mit einem Plädoyer für weniger Technik, sondern mit einer erweiterten Frage für die zukünftige Lehrplanung:
Welche Lehr-Lern-Situation möchte ich ermöglichen – und welche Kombination aus Menschen, Räumen, Materialien und digitalen Werkzeugen unterstützt sie am besten?
Inhaltliche Stichpunkte:
- Digitale Werkzeuge als didaktischen Default hinterfragen: Funktionen, Voraussetzungen und Nebenwirkungen digitaler Tools in Lehr-Lern-Situationen sichtbar machen.
- Analoge und materielle Praktiken wiederentdecken: körperliche, materielle, räumliche und soziale Formen des Lernens gezielt in die Lehrgestaltung einbeziehen.
- De-Tooling als Entwurfsmethode erproben: digitale Werkzeuge entfernen, zugrunde liegende didaktische Funktionen rekonstruieren und alternative Formen entwickeln.
- Digitale und analoge Formate bewusst neu kombinieren: nicht Technikverzicht, sondern begründete Medienwahl im Sinne einer postdigitalen Hochschullehre.
- Eigene Lehrveranstaltungen redesignen: konkrete Lehrsituationen der Teilnehmenden analysieren und mit De-Tooling-Operationen praktisch weiterentwickeln.
Arbeit mit künstlicher Intelligenz:
Künstliche Intelligenz wird im Seminar höchstens punktuell eingesetzt. Im Zentrum steht dabei nicht die Vermittlung von KI-Werkzeugen, sondern die Frage, welche Funktionen digitale und KI-gestützte Werkzeuge in Lehr-Lern-Situationen übernehmen und wie diese Funktionen auch anders gestaltet werden können. In ausgewählten Arbeitsphasen wird daher bewusst auf KI verzichtet; anschließend kann KI im Sinne eines „Re-Tooling“ wieder einbezogen werden, um unterschiedliche Gestaltungsvarianten zu vergleichen und ihren didaktischen Mehrwert kritisch zu reflektieren. Darüber hinaus kann KI genutzt werden, um für digitale Tools Ideen für nicht-digitale Alternativen zu finden.
Lernziele des Seminars
Die Teilnehmenden arbeiten im Rahmen des Seminars an folgenden Kompetenzen/nach dem Workshop können die Teilnehmenden:
- Unistrukturell: Die Teilnehmenden erkennen, dass der Einsatz digitaler Werkzeuge selbst eine didaktische Entscheidung darstellt.
- Multistrukturell: Sie unterscheiden verschiedene Dimensionen dieser Entscheidung – nach dem Berliner Modell: Soziokulturelle Aspekte, Anthropologische Aspekte, Psychologische Aspekte, Ziele, Medien, Inhalte, Methode.
- Relational: Sie setzen diese Dimensionen miteinander in Beziehung und erklären, wie unterschiedliche mediale Arrangements, insbesondere nicht-digitale Alternativen, das Lernen verändern.
- Extended Abstract: Sie können daraus eigene De-Tooling-Prinzipien ableiten und diese auf neue Lehrsituationen übertragen.
Spezifizierung der Zielgruppe:
Das Seminar richtet sich an Lehrende aller Fachrichtungen und Erfahrungsstufen, die ihre Lehrveranstaltungen didaktisch weiterentwickeln und den Einsatz digitaler Werkzeuge bewusst reflektieren möchten. Spezifische Vorkenntnisse im Bereich digitaler Medien oder Hochschuldidaktik sind nicht erforderlich. Willkommen sind sowohl Lehrende mit großer Erfahrung im Einsatz digitaler Tools als auch Personen, die bislang eher zurückhaltend mit digitalen Werkzeugen gearbeitet haben.
Hinweise zur Umsetzung:
Das Seminar ist ausschließlich als Präsenzveranstaltung konzipiert. Zentrale Bestandteile sind körperliche, räumliche, soziale und materielle Arbeitsformen, die von der gemeinsamen Anwesenheit der Teilnehmenden leben. Dazu gehören insbesondere das Arbeiten mit Gegenständen und analogen Materialien, Bewegungen und Positionierungen im Raum sowie das gemeinsame Umgestalten konkreter Lehr-Lern-Situationen.
Selbstlernaufgaben
Bitte bringen Sie zu dem Seminar eine konkrete Lehrveranstaltung oder einzelne Lehr-Lern-Situation aus Ihrer eigenen Praxis mit, die Sie im Workshop weiterentwickeln möchten. Eine kurze Skizze genügt; ein vollständig ausgearbeitetes Veranstaltungskonzept ist nicht erforderlich.
Notieren Sie vorab möglichst knapp:
- Was sollen die Studierenden in dieser Situation lernen oder tun?
- Welche digitalen Werkzeuge oder Infrastrukturen kommen dabei bislang zum Einsatz?
- Welche Funktionen erfüllen diese Werkzeuge?
- Gibt es etwas an der bisherigen Gestaltung, das Sie gerne verändern oder neu ausprobieren möchten?
Die Vorbereitung sollte nicht mehr als etwa 15–20 Minuten in Anspruch nehmen. Die mitgebrachte Lehrsituation dient im Seminar als Ausgangspunkt für die De-Tooling- und Redesign-Phasen.
Das Seminar ist als praxisorientierter Präsenzworkshop angelegt. Wir arbeiten an konkreten Beispielen aus der eigenen Lehre mit Bewegung im Raum und analogen Materialien. Bitte bringen Sie daher eine Lehrveranstaltung oder einzelne Lehr-Lern-Situation mit, an der Sie im Seminar arbeiten möchten. Ein ausgearbeitetes Konzept ist nicht erforderlich.
Eigene digitale Geräte werden für den Workshop nicht vorausgesetzt. Da einzelne Arbeitsphasen bewusst ohne digitale Hilfsmittel stattfinden, empfiehlt sich lediglich bequeme Kleidung, die auch Bewegung im Raum zulässt.
| Universität: | Universität Bayreuth |
|---|---|
| Seminarleitung: | Prof. Dr. Jochen Koubek |
| Seminar ID: | ZHL WS2627 35S detooling |
| Ort: |
ZHL der Universität Bayreuth
Nürnbergerstr. 38, Bayreuth Dieses Seminar findet in Präsenz an der Universität Bayreuth statt. Außenstelle Bürocenter Bayreuth Süd, Zapf Haus 4, Raum 4.2.12-13. Anreise: https://www.zhl.uni-bayreuth.de/de/anfahrt/index.html Auf Google Maps anzeigen |
| Termine: |
11.12.2026
, 09:00 - 13:00 Uhr
|
| Kosten: |
Es fallen folgende Teilnahmegebühren an:
|
| Verfügbare Plätze: | 10 Plätze, davon 8 frei |
| Stufe: | Grund- und Aufbaustufe |
| Anrechenbare Stunden: |
Bereich A mit 4 Arbeitseinheiten |
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